TFF #42: Startup-Kultur ins KMU bringen – ohne alles auf den Kopf zu stellen

Letzte Woche habe ich mit einem Geschäftsführer gesprochen. 40 Mitarbeitende, Industrie, seit 30 Jahren am Markt.

Er sagte: “Ich sehe, was diese KI-Startups machen. Aber wir sind kein Startup. Wir können nicht alles riskieren.”

Ich verstand ihn. Und gleichzeitig dachte ich: Das ist genau das Missverständnis, das viele KMU ausbremst.

Die Frage ist nicht: Wie werde ich zum Startup? Die Frage ist: Wie hole ich mir die Geschwindigkeit, ohne die Stabilität zu verlieren?

Forscher nennen das eine “Lovable” Organisation – eine, die psychologische Sicherheit mit iterativem Lernen verbindet.

Ich nenne es: Sichere Geschwindigkeit.


🎙️ Du hörst des Newsletter lieber? Hier eine kurze, KI-generierte Audio-Zusammenfassung dieser Ausgabe:

Stabilität behalten & Geschwindigkeit gewinnen


Das Problem: Kultur frisst Transformation

Die meisten KMU in der DACH-Region operieren in einer klassischen “Familien-Kultur”. Loyalität zählt. Hierarchien sind klar. Entscheidungen laufen über den Chef.

Das hat Jahrzehnte funktioniert.

Aber jetzt passiert etwas Neues: KI beschleunigt alles. Wettbewerber, die vor zwei Jahren noch nicht existierten, bauen in Wochen, wofür du Monate brauchst.

Eurofound-Daten zeigen: Nur ein Bruchteil der europäischen KMU erreicht “volle digitale Intensität”. Der Rest bleibt in der Mitte stecken – zu langsam für die neue Welt, zu investiert für einen echten Neustart.

Das eigentliche Problem ist nicht Technologie. Es ist Kultur.

Wenn Mitarbeitende Angst haben, Fehler zu machen, experimentieren sie nicht. Wenn Risikodenken im Vordergrund steht, reagierst du zu langsam. Wenn Innovation nur “von oben” kommen darf, verschwendest du das Potenzial deines Teams.

Studien zur AI Literacy zeigen: Führungskräfte mit hoher KI-Kompetenz haben weniger “KI-Angst” – und ihre Organisationen sind resilienter. Aber diese Kompetenz entsteht nicht durch Lesen. Sie entsteht durch Machen.


Das Framework: In 4 Schritten zur sicheren Geschwindigkeit

Du musst kein Startup werden. Aber du kannst die besten Elemente importieren – kontrolliert, im sicheren Rahmen.

Schritt 1: Starte mit “Mini-Batch Innovation”

Vergiss die grosse KI-Strategie. Starte mit einem konkreten Problem, das dich nervt.

Das Lean-Startup-Prinzip funktioniert auch für nicht-digitale Unternehmen. Der Trick: Teile komplexe Probleme in kleine Teile. Teste jeden Teil separat. Lerne schnell.

Ein Beispiel: Dein Vertriebsteam verbringt 5 Stunden pro Woche mit Angebotserstellung. Statt ein 6-monatiges Digitalisierungsprojekt zu starten, testest du in einer Woche einen KI-Assistenten für Angebotstexte. Funktioniert es? Ausbauen. Funktioniert nicht? Nächste Idee.

Schritt 2: Schaffe einen “Sicheren Experimentierraum”

Forschung zeigt: Psychologische Sicherheit ist der wichtigste Faktor für erfolgreiche digitale Transformation in KMU.

Das bedeutet konkret: Definiere ein Budget und einen Zeitrahmen für Experimente. Mach klar, dass Scheitern erlaubt ist – solange man daraus lernt. Feiere nicht nur Erfolge, sondern auch “schnelle Fehlschläge”.

Ein Team, das weiss, dass es nicht bestraft wird für gescheiterte Experimente, wird experimentieren. Ein Team, das Angst hat, wird warten – und zusehen, wie andere überholen.

Schritt 3: Nutze die “Four Ds” für deine Tradition

Familienunternehmen und traditionelle KMU haben einen Vorteil: Werte, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Diese Werte sind kein Hindernis – sie sind ein Fundament.

Das IMD Framework “Four Ds” hilft, Tradition und Innovation zu verbinden:

  • Distilling: Was sind die Kernwerte, die bleiben müssen? Qualität? Kundenbeziehungen? Handwerksethik?

  • Diverting: Wie können diese Werte in neuen Kanälen leben? (z.B. Handwerksqualität + KI-gestützte Präzision)

  • Diluting: Wo kannst du Risiko verteilen durch neue Geschäftsfelder?

  • Dropping: Was musst du loslassen, weil es nicht mehr funktioniert?

Schritt 4: Mach Intrapreneurship zum Standard

Intrapreneurship bedeutet: Mitarbeitende entwickeln unternehmerische Ideen – für das Unternehmen, nicht gegen es.

Konkret: Gib einem kleinen Team (2-3 Personen) die Freiheit, ein internes Problem mit KI-Tools zu lösen. Budget: begrenzt. Zeitrahmen: 4-6 Wochen. Ergebnis: Ein funktionierender Prototyp oder ein klares “Das funktioniert nicht”.

So testest du KI-Potenziale, ohne dein Kerngeschäft zu gefährden. Und du entwickelst gleichzeitig die Kultur, die du für die nächsten Jahre brauchst.


Praxis-Check: Die Thun-Transformation

Das italienisch-tschechische Familienunternehmen Thun – 70 Jahre alt, ursprünglich reine Keramikmanufaktur – hat genau diesen Weg gemacht.

Statt zwischen “Tradition bewahren” und “disruptieren” zu wählen, haben sie die Four Ds angewendet. Die Handwerksqualität blieb (Distilling). Die Produktion wurde industrialisiert, ohne den Qualitätsanspruch zu verlieren (Diverting). Neue Geschäftsfelder wie digitalisierte Logistik kamen hinzu (Diluting). Ineffiziente Legacy-Produkte wurden eingestellt (Dropping).

Das Ergebnis: Von einer lokalen Manufaktur zu einer Omnichannel-Gruppe – ohne die Familien-DNA zu verlieren.

Der Schlüssel war “Reverse Mentoring”: Jüngere Führungskräfte brachten digitale Kompetenz ein, ältere lieferten Werte und Weisheit. Kein Generationenkonflikt – eine Generationenpartnerschaft.


Deine nächsten Schritte

Diese Woche: Identifiziere ein konkretes Problem, das dich Zeit kostet. Nicht das grösste – eines, das überschaubar ist.

Nächste Woche: Finde 1-2 Mitarbeitende, die Lust haben, dieses Problem mit einem KI-Tool anzugehen. Gib ihnen 2 Stunden und die Erlaubnis zu experimentieren.

In 30 Tagen: Evaluiere. Was habt ihr gelernt – über das Problem und über eure Kultur?


Zwei Wege, um schneller voranzukommen

Für Führungskräfte: Der KI-Kickstarter gibt dir in kompakter Form die Grundlagen, um KI-Initiativen in deinem Unternehmen zu starten und zu steuern.

Für Intrapreneure: Der Macher-Sprint bringt dich in wenigen Wochen vom Problem zum funktionierenden Prototyp – mit Begleitung und klarem Framework.


🎬 Video: Sichere Geschwindigkeit für KMU

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