Die teuerste KI ist die, die niemand braucht

Wir sehen es immer wieder. Ein Unternehmen investiert Monate in eine KI-Lösung und stellt am Ende fest, dass im Alltag niemand sie benutzt. Nicht weil sie schlecht ist. Weil sie am Bedarf vorbeigeht.

Das deckt sich mit den Zahlen. Gartner erwartet, dass mehr als 40 Prozent aller KI-Agenten-Projekte bis Ende 2027 abgebrochen werden. Der häufigste Grund ist nicht die Technik. Es ist ein unklarer Nutzen.

Hier liegt der teure Denkfehler. KI-Kosten werden fast immer an den Tokens festgemacht. Zu teuer, heisst es, die Rechenkosten fressen am Ende den Nutzen auf. In der Praxis stimmt das selten. Teuer wird KI durch die Wochen, die in eine Lösung fliessen, die im Alltag niemand anfasst.

Wie es anders geht, haben wir im Juni beobachtet. Zwanzig junge Foundinnen und Founder aus München, alle ohne Programmiererfahrung, ein Vibecoding-Sprint über zwei Tage. Die einzige Vorgabe: nicht mit der Technik anfangen, sondern mit einem echten Bedarf. Jedes Team musste sein Problem zuerst in einem Satz benennen.

🎙️ Du hörst des Newsletter lieber? Hier eine kurze, KI-generierte Audio-Zusammenfassung dieser Ausgabe:

Wie Nicht-Programmierer KI-Projekte retten


Am Ende standen fünf funktionierende Prototypen. Hier sind sie, als Beispiele dafür, wie nah ein echter Bedarf an einer gebauten Lösung liegt.

1. Klaro: den eigenen Befund verstehen

Der Bedarf: Du bekommst einen medizinischen Befund und verstehst kein Wort. Du gehst zum Termin und traust dich kaum zu fragen.

Klaro lädt den Befund hoch, erklärt ihn in einfacher Sprache, zeigt mit einem Ampelsystem, welche Werte auffällig sind, und bereitet eine Anamnese für den Arztbesuch vor. Es ersetzt den Arzt nicht. Es übersetzt. Das KMU-Pendant: Wo spricht dein Unternehmen eine Fachsprache, die dein Kunde nicht versteht?

2. MediaIQ: Medienkompetenz, die ankommt

Der Bedarf: Schüler sollen Deepfakes und Fake News erkennen, aber das Thema lässt sich nicht mit Arbeitsblättern vermitteln, und Lehrer verlieren die Kontrolle über offene Tools.

MediaIQ ist eine Lernplattform, auf der Lehrer Lektionen zuweisen und die Klasse spielerisch mitmacht, ähnlich wie bei bekannten Quiz-Tools, aber in einem geschützten Rahmen. Das KMU-Pendant: Wo brauchst du Kontrolle und spielerische Vermittlung zugleich, etwa in Schulung und Onboarding?

3. Second Chance: nutzen, was schon da ist

Der Bedarf: Kleidung, die im Schrank hängt und nie getragen wird, weil niemand weiss, wie man sie kombiniert.

Second Chance zeigt per KI neue Kombinationen aus der Kleidung, die man bereits besitzt, statt neue zu verkaufen. Der Wert entsteht aus dem Bestehenden. Das KMU-Pendant: Welche Ressource liegt bei dir brach, weil niemand sie sichtbar macht?

4. Stammtisch: KI im Hintergrund, Menschen im Vordergrund

Der Bedarf: Viele junge Erwachsene berichten, dass ihr Freundeskreis nicht mehr wächst. Bestehende Apps liefern Chats, aber keine echten Treffen.

Stammtisch bringt Menschen offline zusammen. Cafés melden ruhige Zeiten, die KI liefert Gesprächsanstösse pro Thema, die Leute treffen sich persönlich. Die KI steht nicht im Schaufenster, sie koordiniert im Hintergrund. Das KMU-Pendant: Wo würde unsichtbare KI mehr bringen als ein sichtbarer Chatbot?

5. Flashback: aus Fragmenten wird Erinnerung

Der Bedarf: Nach einem gemeinsamen Tag liegen verstreute Videoschnipsel auf vielen Handys, und niemand fügt sie zusammen.

Flashback sammelt die Clips einer Gruppe und schneidet per KI automatisch ein gemeinsames Reel. Aus Fragmenten wird etwas Geteiltes. Das KMU-Pendant: Wo entsteht in deinem Betrieb verstreutes Wissen, das nie zu einem Ganzen zusammenfindet?

Der eigentliche Wert war nicht die App. Es war das Denken.

Das Bemerkenswerte an diesem Sprint war nicht, dass am Ende fünf Apps liefen. Es war, was vorher passierte. Die Teilnehmer sind aus dem Alltag herausgetreten. Kein Tagesgeschäft, keine eingefahrenen Abläufe, kein „das haben wir immer so gemacht”. Sie hatten den Raum, neu zu denken, eigene Ideen zu verfolgen und für sich eine Frage zu beantworten, die im Betrieb selten gestellt wird: Was lohnt sich wirklich?

Drei von ihnen treiben ihr Geschäftsmodell jetzt weiter. Aus einer Übung wurde ein Vorhaben.

Genau diesen Spirit brauchen KMU mehr. Nicht noch ein Werkzeug, sondern den Mut, regelmässig aus der Komfortzone zu treten und Dinge anders zu denken. Wer im eigenen Alltag stecken bleibt und darauf wartet, dass die Technik von allein Nutzen stiftet, wird über kurz oder lang von denen überholt, die ausprobieren.

Was ein KMU daraus mitnimmt

Niemand muss diese fünf Apps nachbauen. Der Punkt ist die Haltung. Erst der Bedarf, dann das Werkzeug, und der Mut, aus dem Alltag herauszutreten. Drei Fragen für den Anfang:

Welches Problem nervt deine Kunden oder dein Team so regelmässig, dass es alle als gegeben hinnehmen? Welche Information liegt bei euch an der falschen Stelle? Und was davon liesse sich in einem Tag als Prototyp testen, statt es in einem Meeting zu zerreden?

Was sich konkret verändert

Die fünf Prototypen entstanden mit Claude, Lovable und Codex, in Stunden statt Monaten. Drei davon (Klaro, Stammtisch, Second Chance) werden jetzt in Mastermind-Gruppen weiterentwickelt. Der Sprint selbst ist ein wiederholbares Format, kein Einzelfall.


Einladung zum Sommerprogramm: Drei weitere Termine bis August

Das Erasmus+ Projekt MMIND lädt im Juli und August zu drei weiteren KI-Cafés ein. Alle Veranstaltungen finden im Kloster by b_smart, Duxgass 55, Schaan statt. Die Teilnahme ist kostenlos.

7. Juli, 16:00 bis 18:00 Uhr · KI und Produktivität. Wie verändert sich die Gesellschaft? Impuls von Josef Brusa (Verein Perspektiv).

12. August, 16:00 bis 18:00 Uhr · KI und Standort. Wie bleibt Liechtenstein attraktiv? Mit Marcel Gstöhl (Mastermind-Gruppe Zukunft der Arbeit) und Theresa Goop (Stiftung Zukunft.li).

20. August, 17:00 bis 19:30 Uhr · Ergebnisse aus den Mastermind-Gruppen. Drei Impulse: KI und Fachkräfte (Alexander Jeeves), Geschäftsmodelle im Marketing (Nathalie Nipp, ISTRAS) und die AI Compliance Umfrage 2026 (Christian Wind, Bratschi AG, Zürich). Auch dieser Abend wird online übertragen. Damit sind die beiden Eckpfeiler des Programms auch für Leser ausserhalb der Region zugänglich.

Anmeldung direkt hier mit einem Klick.

Das Projekt MMIND wird durch das Erasmus+ Programm der Europäischen Union kofinanziert.

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