Zwei Tage. Ein Prototyp.

Seit dem 2. Februar 2025 verlangt die europäische KI-Verordnung von Unternehmen, dass ihre Mitarbeitenden über ausreichende KI-Kenntnisse verfügen. Ab dem 2. August 2026 greifen die zentralen Vorschriften des AI Act vollständig. Für Liechtenstein gilt die Verordnung über den EWR, und über das Marktortprinzip betrifft sie jedes Unternehmen, dessen KI-Ergebnisse in der EU genutzt werden.

Das Datum steht. Die Frage ist nur noch, wie man KI-Kompetenz aufbaut, ohne ein Schulungsprogramm über Monate zu ziehen.

Diese Woche haben wir eine Antwort live getestet. Mit 20 jungen Founderinnen und Foundern der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zwei Tage, fünf KI-Geschäftsmodelle, am Ende ein Pitch vor einer Jury aus Unternehmern. Was dort funktioniert, funktioniert auch in deinem Unternehmen.

Der erste Tag beginnt nicht mit Folien, sondern mit einer Zeitreise. Augen zu, wir sind im Jahr 2126. Wo wachst du auf? „In einer Kapsel.” Was steht in den News? „100 Prozent des Ozeans sind erforscht.” Gibt es noch Arbeit? Gelächter im Raum: „Nur noch Freizeit.”

Dann die Auflösung: Vor 126 Jahren stellten sich die Menschen das Jahr 2000 mit Dampfloks vor, die Gebäude ziehen. Die Use Cases stimmen oft, die Technologie nie. Wer Zukunft gestalten will, schaut zuerst zurück. Mit dieser Haltung gingen die Teams in die Arbeit: nicht Technologie raten, sondern echte Probleme finden.

🎙️ Du hörst des Newsletter lieber? Hier eine kurze, KI-generierte Audio-Zusammenfassung dieser Ausgabe:

In 48 Stunden zum KI-Geschäftsmodell


Das Problem: Kompetenz aus dem Schulungsraum bleibt nicht hängen

Viele KMU reagieren auf die Kompetenzpflicht mit dem Reflex „Schulung buchen”. Das Team sitzt einen Nachmittag im Seminarraum, hört Folien über Prompting und geht zurück an die Arbeit. Vier Wochen später ist das meiste weg.

Der Grund ist einfach: Wissen ohne Anwendung verfällt. KI-Kompetenz entsteht dort, wo Menschen mit einem echten Problem, einem echten Werkzeug und einem echten Abgabetermin arbeiten.

Genau das haben wir am Donnerstag und Freitag in München aufgesetzt. Julian Thuile (dockyard.ventures) und Hartmut Hübner (MMIND.ai) moderieren die zwei Tage gemeinsam. Tag 1: aus Alltagsärger Geschäftsmodelle entwickeln. Tag 2: mit Claude Code und Codex App-Prototypen bauen, Pitch Deck vorbereiten, vor der Jury präsentieren.

Kein Vorwissen vorausgesetzt. Keine Entwickler im Raum. Trotzdem stehen am Ende fünf funktionierende Prototypen.

Das Framework: Drei Hebel für den 2-Tage-Sprint

Hebel 1: Strukturierte Methodik statt freies Brainstorming

Tag 1 folgt einem festen Ablauf. Er beginnt mit der Nagging-Methode: alles aufschreiben, was im Alltag nervt. Jede Beschwerde wird umgekehrt in die ideale Lösung, dann bewusst übertrieben. Aus dem Ärger entsteht die Idee.

Danach kommt Struktur hinein: Golden Circle (warum gibt es das Angebot), Business Model Canvas (neun Bausteine vom Kundensegment bis zur Kostenstruktur), und am Ende die Hypothesen-Matrix. Jede kritische Annahme wird nach Evidenz und Relevanz priorisiert und einer Validierungsmethode zugeordnet: Interviews, Landing Page, Fake-Door-Test.

Das klingt nach Startup-Werkzeug. Es ist aber genauso ein KMU-Werkzeug. Jede Produktidee, jeder neue Service, jede interne Prozessverbesserung lässt sich mit demselben Ablauf in einem Tag durchdenken. Die Methodik von Tag 1 liegt als Slide Deck vor. Du kannst sie direkt im eigenen Haus einsetzen.

Hebel 2: KI als Sparringspartner und Prototypen-Bauer

Am ersten Tag arbeitet KI als Rechercheur und Kritiker. Die Teams nutzten Claude und ChatGPT für Marktanalysen und Wettbewerbsvergleiche. Eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: Für eigene Ideen war der persönliche Austausch stärker, für die Marktanalyse war die KI schneller.

Am zweiten Tag wechselt die Rolle. Mit Claude Code und Codex werden aus den Geschäftsmodellen klickbare App-Prototypen. Was früher ein Entwicklerteam und sechs Wochen brauchte, schaffen Studierende ohne Programmiererfahrung in einem Vormittag. Nachmittags steht der Pitch.

Ein Projekt haben wir direkt bei LLM-Bridge eingereicht, der europäischen Initiative für KI-Startups. Welches, verraten wir am 16. Juni im KI-Café.

Hebel 3: Peer Learning statt Einzelkampf

Der dritte Hebel kostet nichts ausser Zeit. Im Erasmus+ Projekt MMIND arbeiten zwei Mastermind-Gruppen mit Teilnehmern aus Liechtenstein und der Region: eine zu KMU-Tools, eine zur Zukunft der Arbeit. Beide bringen Praxisfragen aus Unternehmen zusammen mit Perspektiven aus der Bevölkerung.

Michael Kolbe, Bereichsleiter Erwachsenenbildung Erasmus+ bei der AIBA in Vaduz, ordnet das so ein: „Aus Sicht der Nationalagentur sind solche Projekte ein wichtiger Beitrag, um digitale Kompetenzen zu stärken und KI verantwortungsvoll in Wirtschaft und Gesellschaft einzusetzen.”

Die Reihenfolge

Erst die Methodik, dann das Werkzeug, dann der Austausch. Wer mit dem Tool beginnt, produziert Prototypen ohne Geschäftsmodell. Wer mit dem Austausch beginnt, redet über KI, statt sie einzusetzen. Die Münchner Reihenfolge (Tag 1 Struktur, Tag 2 Bau, danach Feedback) lässt sich eins zu eins auf ein KMU-Innovationsprojekt übertragen.

Was sich konkret verändert

Das Muster aus unserer Beratungspraxis: Teams, die einmal einen kompletten Sprint von der Idee bis zum Prototyp durchlaufen haben, stellen andere Fragen. Nicht mehr „Was kann KI?”, sondern „Welche unserer Annahmen testen wir zuerst?”. Die Kompetenzpflicht aus dem AI Act ist damit kein Compliance-Thema mehr, sondern ein Nebeneffekt echter Arbeit.

Und die Geschwindigkeit verändert die Kalkulation. Wenn ein Prototyp zwei Tage statt zwei Monate kostet, kann sich ein 30-Personen-Betrieb drei Experimente pro Quartal leisten statt einem pro Jahr.

Das Sommerprogramm: Vier Termine, kostenlos

Das Erasmus+ Projekt MMIND lädt im Juni, Juli und August zu vier KI-Cafés ein. Alle Veranstaltungen finden im Kloster by b_smart, Duxgass 55, Schaan statt. Die Teilnahme ist kostenlos.

16. Juni, 16:00 bis 18:00 Uhr · AI Act für KMU. KI-Kompetenz, Risiko-Einordnung, Governance und Strategie. Impuls der MMIND-Projektpartner mit Nathalie Nipp (ISTRAS). Dazu die Kurzversion der Ergebnisse aus München und die Auflösung, welches Projekt bei LLM-Bridge eingereicht wurde. Dieser Termin findet auch online statt.

7. Juli, 16:00 bis 18:00 Uhr · KI und Produktivität. Wie verändert sich die Gesellschaft? Impuls von Josef Brusa (Verein Perspektiv).

12. August, 16:00 bis 18:00 Uhr · KI und Standort. Wie bleibt Liechtenstein attraktiv? Mit Marcel Gstöhl (Mastermind-Gruppe Zukunft der Arbeit) und Theresa Goop (Stiftung Zukunft.li).

20. August, 17:00 bis 19:30 Uhr · Ergebnisse aus den Mastermind-Gruppen. Drei Impulse: KI und Fachkräfte (Alexander Jeeves), Geschäftsmodelle im Marketing (Nathalie Nipp, ISTRAS) und die AI Compliance Umfrage 2026 (Christian Wind, Bratschi AG, Zürich). Auch dieser Abend wird online übertragen. Damit sind die beiden Eckpfeiler des Programms auch für Leser ausserhalb der Region zugänglich.

Anmeldung direkt hier mit einem Klick.

Das Projekt MMIND wird durch das Erasmus+ Programm der Europäischen Union kofinanziert.


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