Tool #13: Purpose-Aufstellung

Wofür?

Das Purpose Listening in Form einer Aufstellung durchzuführen kann ein sehr hilfreicher Weg sein, um sich sowohl auf das Hinterfragen einzulassen als auch einen Wahrnehmungsraum zu schaffen, der die rationale Intelligenz einzelner Personen oder Teams bündelt und kollektive Intelligenz ermöglicht. Dies kann helfen, Purpose-Prozesse radikal zu vereinfachen und komplexe Fragen durch die entstehenden Bilder rasch zu vereinfachen und zu klären.

Durch Purpose-Aufstellungen erhalten auf den ersten Blick abstrakte Konzepte wie der evolutionäre Purpose, dessen Wirkmechanismen und die Kultur einer Organisation eine Stimme, indem diese durch Stellvertreter:innen repräsentiert werden.

Komplexe Situationen werden aus vielen Perspektiven betrachtet, um Irrtümer aus der Welt zu schaffen und Dynamiken ebenso wie blinde Flecken sichtbar zu machen. Somit kann sich eine Organisation durch Purpose-Aufstellungen Klarheit über ihr Zukunftspotenzial schaffen, wirksame Hebel erschliessen, um dieses Potenzial zu erreichen, und sich somit im Flow in die Welt der Zukunft begeben. Durch die Platzierung von Elementen im Raum werden deren Positionen, so auch des Purpose und der Stakeholder der Organisation, ersichtlich. Dadurch lassen sich über Nähe und Distanz sowie die durch Repräsentant:innen zum Ausdruck gebrachten Empfindungen Spannungsfelder erkennen. Nähe ist harmonisch, Distanz dissonant.

Beispiel

Ein Softwareanbieter mit rund 200 Mitarbeitenden hat sich zu einer Kulturtransformation entschlossen, um infolge einer neuen Strategie für das Geschäft einerseits den Kundenfokus zu schärfen und andererseits als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben für neue Talente.

In einem Workshop zum Finden der Intention für das Transformationsvorhaben legen die Mitarbeitenden drei Arbeitsbereiche fest: Arbeit am Purpose, um eine gemeinsame Zukunftsausrichtung zu finden, Klärung der Rollen und Verantwortlichkeiten in der Zusammenarbeit zwischen neuen Standorten und Sicherstellung einer Purpose-orientierte Umsetzung der Projekte durch Objectives & Key Results (OKRs). Nachdem die Ist-Erhebung von Purpose und Kultur durch Story Sourcing und Story Mapping abgeschlossen ist, entscheidet sich das Transformationsteam für ein Purpose Listening in Form einer Purpose-Aufstellung, um ein klares Zukunftsbild für die Organisation zu ermitteln, auf das der weitere Transformationsprozess ausgerichtet werden kann.

Worauf es ankommt

Um eine Purpose-Aufstellung erfolgreich durchzuführen, ist es wichtig, einige Dinge zu beachten:

Regel 1: Bestimmen Sie eine:n Moderator:in, zu der/dem in der Gruppe ein Vertrauen herrscht, um einen kommunikativen Raum zu gestalten, der eine Öffnung auch für kritische oder unangenehme Dynamiken erlaubt.

Regel 2: Achten Sie in der Moderation darauf, dass pro Runde jeweils alle Elemente zu Wort kommen und aus der Reihenfolge der aufgerufenen Elemente eine Geschichte entsteht.

Regel 3: Das Hineinhören in die Elemente findet anhand von Fragen statt wie: Wie ist die körperliche Wahrnehmung des Elements? Wie beschreibt das Element sein Denken, Fühlen und Handeln? Wie beschreibt das Element seine Beziehung zu anderen Elementen? Ist es eher eine angenehme oder eine unangenehme Situation? Was fehlt? Gibt es noch etwas, das zu beachten ist?

Regel 4: Neben Ruhe und Konzentration kommt es auf eine klare Rollenverteilung und eine Vereinbarung zur Kommunikation an:

  • Repräsentant:innen: Tauchen Sie in Ihre Rolle ein; betreten Sie den Raum ganz bewusst.
  • Beobachter:innen: Hören Sie auf die Erkenntnisse, die sich aus dem Beobachten ergeben.
  • Sprechen Sie der Reihe nach – dem jeweiligen Aufruf der Moderation folgend.
  • Versuchen Sie neutral zu bleiben und entstehende Urteile und Wertungen auszusetzen.
  • Achten Sie auf die Fragen, die sich Ihnen stellen.
  • Konzentrieren Sie sich auf das, was wichtig ist.
  • Verlassen Sie sich auf den Flow, der entsteht.

Schritt für Schritt

Schritt 1 – Planung der Aufstellung:

  • Bestimmen Sie eine:n Moderator:in für die Aufstellung, der/die in der Regel auch den weiteren Ablauf der folgenden Punkte in die Hand nimmt.
  • Setzen Sie immer zuerst ein klares Ziel für die Purpose-Aufstellung. In unserem Beratungsprozess hat sich die Zielsetzung in Fragenform bewährt – zum Beispiel in Form einer «How Might We»-Frage (Stanford Crowd Research Collective 2021, in der Folge «HMW»), die es gleichzeitig erlaubt, eine bestimmte Perspektive auf eine Situation einzunehmen. Bei dieser Art von Fragen geht es darum, im übertragenen Sinne einen Samen zu pflanzen, aus dem organisch Zukunft entstehen kann. Die HMW-Frage im Rahmen einer Purpose-Aufstellung kann mehreren Zwecken dienen – zum Beispiel Positives verstärken, Negatives entfernen, das Gegenteil entdecken oder Annahmen hinterfragen.
  • Eine Beispielfrage könnte lauten: «Wie könnten wir den Purpose der XY-Organisation relevant machen für die tägliche Arbeit?»
  • Legen Sie die für die Aufstellung benötigten Elemente fest. Diese können sowohl beteiligte Personen und Organisationen als auch abstrakte Elemente umfassen. Beispiele für oft verwendete Elemente für eine Purpose-Aufstellung sind:
    • Personen: CEO, Topmanagement, Mitarbeitende, Kunden, Journalisten
    • Organisationen: Politik, Gesellschaft, NGOs
    • Abstrakte Elemente: individueller Purpose, evolutionärer Purpose (u. U. gesplittet in die Elemente des Beitrags und der Wirkung), Kulturprinzipien und Werte wie «Kundenfokus» oder «Empathie», konkrete Herausforderungen sowie das Element «Was fehlt»
  • Verteilen Sie die Rollen der Repräsentant:innen und Beobachter:innen – und besprechen Sie mögliche Hindernisse und Stolpersteine, die im Verlauf der Aufstellung zu erwarten sind.
  • Entscheiden Sie sich für die Aufstellungsform «offen» (Repräsentant:innen und Beobachter:innen wissen, welche Person welches Element vertritt) oder «verdeckt» (nur die Moderation kennt die Verteilung der Elemente), «virtuell» (über einen Videocall in Kombination mit virtuellem Whiteboard) oder «vor Ort».

Schritt 2

Durchführung der Aufstellung: Eine Purpose-Aufstellung hat zum

Ziel, Klarheit über den evolutionären Purpose einer Organisation und der ihr zugehörigen Individuen zu gewinnen. Als Prozess zur Beschreibung einer Evolution haben wir in diesem Buch bereits die Theorie U kennengelernt. Diese eignet sich sehr gut, um den Ablauf eines solchen Purpose Listening zu beschreiben. Im Folgenden empfehlen wir eine Durchführung in drei Schritten, die sich an den Schritten des Sensing, Presencing und Prototyping der Theorie U orientiert:

  • Raum 1 (45 Min.): Im ersten Raum erkennen Sie die heutige Situation an, wie sie ist. Die Elemente stellen sich so auf, wie sie die Ist-Situation wahrnehmen. Somit entsteht ein Wir-Raum mit Beziehungen auf Augenhöhe, in dem die aktuellen Spannungen sichtbar werden.
  • Raum 2 (45 Min.): Ausgehend von der Konstellation in Raum 1 werden die Elemente nun gebeten, das Zukunftspotenzial sichtbar werden zu lassen: Wie stellt sich eine Zukunft dar, in der ein gemeinsames Verständnis von Purpose, Intention und Arbeitsprinzipien vorliegt? Die Elemente fragen sich, was es braucht, um das bestmögliche Ganze sein zu können – und wie eine Reise in diesen Zustand hinein ablaufen könnte.
  • Raum 3 (45 Min.): Im anschliessenden Prototyping-Raum geht es darum, die emergente Zukunft in Bausteinen sichtbar werden zu lassen. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, diese kreative Phase direkt in einen Aufstellungssprint miteinzubauen und durch Ideationsmethoden zu unterstützen. Geeignete Methoden hierzu finden Sie beispielsweise in dem Lean-Startup-Rahmenwerk (Ries 2014).

Schritt 3

Review (30 Min.): Schliessen Sie ab mit einer Reflexion: Was in der Purpose-Aufstellung lief gut? Was lief nicht gut? Was werden wir beim nächsten Mal anders machen?

Rahmenbedingungen

Dauer:     ca. 2 – 3 Stunden, je nach Vorbereitung der Session (bitte mit

Timeboxing für die drei Aufstellungsschritte arbeiten)

Format:    virtuell (z. B. gemeinsames Arbeiten an einem Textdokument während einer Videokonferenz) oder persönlich in einem geeigneten Raum

Teilnehmende: Team von mindestens 6 – 8 Mitgliedern (nach oben keine Grenze), um die Elemente sinnvoll auf Repräsentant:innen zu verteilen

Weitere Informationen zum diesem und anderen Tools zur Bewältigung geschäftlicher Herausforderungen mit kommunikativen Mitteln finden Sie im Buch

«Kommunikation neu gedacht».

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