Diese Woche sass eine IP-Expertin vor 20 Teilnehmenden in Schaan und stellte eine Frage, die fast jedes KMU überspringt.
Nicht “wo darf ich KI einsetzen”. Sondern: “Wo bringt KI meinem Unternehmen einen Mehrwert?”
Der Unterschied klingt klein. Er entscheidet darüber, ob KI in deinem Betrieb Wert schafft oder nur Risiko produziert.
Am 16. Juni hat unser KI-Café in Schaan dieses Thema aufgegriffen. Mehr als 20 Teilnehmende waren dabei, vor Ort im Kloster by b_smart und online zugeschaltet. Den fachlichen Impuls gab Nathalie Nipp (ISTRAS), Expertin für IP-Management und Governance.
Was sie gesagt hat, ist für jedes Unternehmen relevant, das KI ernsthaft einsetzen will. Wir fassen es zusammen.
🎙️ Du hörst des Newsletter lieber? Hier eine kurze, KI-generierte Audio-Zusammenfassung dieser Ausgabe:
KI: Echter Mehrwert geht über die Pflichtübung hinaus
Das Problem: die meisten starten bei der Erlaubnis, nicht beim Zweck
Wenn Unternehmen auf den AI Act angesprochen werden, lautet die erste Frage fast immer: Wo darf ich KI einsetzen, und wo nicht?
Das ist die falsche Reihenfolge.
Der AI Act der EU verfolgt einen risikobasierten Ansatz. Er klassifiziert KI-Systeme nach Risiko und unterscheidet, ob du Anbieter oder Nutzer bist. Das ist nicht trivial, und im Einzelfall braucht es eine rechtliche Beurteilung. Für Liechtenstein gilt die Verordnung über den EWR.
Aber die Verordnung ist nicht der Ausgangspunkt. Sie ist die Leitplanke.
Der Ausgangspunkt ist die Frage nach dem Mehrwert. Jeder KI-Einsatz hat zwei Seiten. Auf der einen stehen Effizienz, Produktivität, Skalierbarkeit, Kosteneinsparung. Auf der anderen stehen Haftungsrisiken, Datenschutzrisiken und die Abhängigkeit von grossen Anbietern. Wer mit der Frage “wo darf ich” startet, sieht nur die Leitplanke. Wer mit “wo bringt es Mehrwert” startet, sieht zuerst das Ziel und dann die Leitplanke.
🎬 Video: EU AI Act für KMU – KI-Kompetenz, Governance und Compliance mit Nathalie Nipp
Das Framework: Strategie zuerst, Tool zuletzt
Die saubere Reihenfolge ist top-down. Sie gilt für KI genauso wie für jede andere Unternehmensentscheidung.
Hebel 1: Strategie und Ziele definieren. Wohin soll das Unternehmen? Welche Ziele verfolgst du, welche Risiken bist du bereit einzugehen, welche nicht? Erst wenn das klar ist, lässt sich beurteilen, wo KI überhaupt einen Beitrag leistet. KI ist nüchtern betrachtet ein Werkzeug. Sie ist gut darin, operative Aufgaben zu erledigen. Und sie kann Prozesse verändern, weil plötzlich möglich wird, was vorher nicht ging. Aber die Richtung gibt die Strategie vor, nicht das Tool.
Hebel 2: Daten und Wissen klassifizieren. Bevor du entscheidest, welche Daten in ein KI-Tool wandern, brauchst du eine Klassifizierung. Was ist öffentlich, was ist sensibel, was ist ein Betriebsgeheimnis? Ein Betriebsgeheimnis verliert seinen Wert in dem Moment, in dem es öffentlich wird. Sein Wert besteht allein darin, dass nur du es kennst. Wer es in ein Tool eingibt, dessen Datenfluss unklar ist, riskiert genau diesen Wert. Eine Daten-Governance ist deshalb kein Compliance-Luxus, sondern die Bedingung dafür, KI sicher zu nutzen.
Hebel 3: Tools entlang der Prozesse wählen. Erst am Ende kommt das Werkzeug. Die Strategie bestimmt die Prozesse, die Prozesse bestimmen die Tools. Wer in umgekehrter Reihenfolge vorgeht, also mit dem Tool beginnt, baut Insellösungen ohne Anschluss an die Unternehmensziele.
Der blinde Fleck: immaterielle Vermögenswerte
Ein Punkt aus dem Impuls hat besonders gesessen. Bei den wertvollsten Unternehmen der Welt bestehen heute über 90 Prozent des Unternehmenswerts aus immateriellen Vermögenswerten. Patente, Marken, geschütztes Wissen. Das ist die grösste Wertklasse, mit der ein Unternehmen arbeiten kann.
Und genau hier haben europäische KMU einen blinden Fleck. Unternehmen mit IP-Rechten erzielen deutlich höheren Umsatz pro Mitarbeiter als solche ohne. Trotzdem nutzt nur rund jedes zehnte europäische KMU diese Rechte aktiv.
Innovation schafft die Grundlage. Erst die Anmeldung von IP-Rechten macht aus einer Innovation einen Vermögenswert, der über Jahre nutzbar ist. Wer nur erfindet, aber nicht schützt, dessen Wirkung bleibt punktuell. In zwei Monaten kann jemand dasselbe günstiger produzieren.
Wo KI und IP sich berühren, lauert eine Falle
Hier wird es für jedes KMU konkret, das mit KI-Tools baut.
Tools wie Lovable oder Claude Code geben kleinen Unternehmen Zugang zu Möglichkeiten, für die früher eine teure Entwicklungsabteilung nötig war. Das ist ein echter Fortschritt. Aber zwei Dinge sind zu beachten.
Erstens die Erfinderschaft. Je nach AGB des Tools und je nach Jurisdiktion ist nicht selbstverständlich, wem das Recht an einer KI-gestützten Innovation gehört. Wer einen Vermögenswert daraus generieren will, muss das vorher klären, nicht nachher.
Zweitens die Neuheit. Wer eine Erfindung zum Patent anmelden will, darf sie vorher nicht öffentlich machen. Gibst du sie in ein Tool ein, dessen Datenfluss unklar ist, kann die Neuheit verloren gehen. Dann ist die Erfindung nicht mehr schützbar, und die ganze Entwicklungsarbeit war umsonst.
Das ist keine Panikmache, sondern ein Argument für Reihenfolge. Erst klassifizieren, was schützenswert ist. Dann entscheiden, was in welches Tool darf.
Was sich verändert, wenn man die Frage dreht
Das Muster aus unserer Beratungspraxis: Sobald ein Unternehmen aufhört zu fragen “wo darf ich KI einsetzen” und anfängt zu fragen “welches Ziel verfolge ich und wo hilft KI dabei”, ändert sich die Diskussion. Sie dreht sich nicht mehr um Tools, sondern um Prozesse und Werte. Die Compliance-Pflicht aus dem AI Act wird damit kein Selbstzweck, sondern ein Nebeneffekt sauberer Strategiearbeit.
Und ein Satz aus der Diskussion bleibt hängen. KI gibt dir überzeugende Antworten, egal ob sie stimmen oder nicht. Sie übernimmt keine Verantwortung. Wer KI in heiklen Bereichen einsetzt, braucht deshalb mehr Kompetenz als vorher, nicht weniger. Genug, um zu erkennen, wann die überzeugende Antwort falsch ist.
Einladung zum Sommerprogramm: Drei weitere Termine bis August
Das Erasmus+ Projekt MMIND lädt im Juli und August zu drei weiteren KI-Cafés ein. Alle Veranstaltungen finden im Kloster by b_smart, Duxgass 55, Schaan statt. Die Teilnahme ist kostenlos.
7. Juli, 16:00 bis 18:00 Uhr · KI und Produktivität. Wie verändert sich die Gesellschaft? Impuls von Josef Brusa (Verein Perspektiv).
12. August, 16:00 bis 18:00 Uhr · KI und Standort. Wie bleibt Liechtenstein attraktiv? Mit Marcel Gstöhl (Mastermind-Gruppe Zukunft der Arbeit) und Theresa Goop (Stiftung Zukunft.li).
20. August, 17:00 bis 19:30 Uhr · Ergebnisse aus den Mastermind-Gruppen. Drei Impulse: KI und Fachkräfte (Alexander Jeeves), Geschäftsmodelle im Marketing (Nathalie Nipp, ISTRAS) und die AI Compliance Umfrage 2026 (Christian Wind, Bratschi AG, Zürich). Auch dieser Abend wird online übertragen. Damit sind die beiden Eckpfeiler des Programms auch für Leser ausserhalb der Region zugänglich.
Anmeldung direkt hier mit einem Klick.
Das Projekt MMIND wird durch das Erasmus+ Programm der Europäischen Union kofinanziert.